Rittergut Nieder-Mittel-Peilau
 
Rittergut Nieder-Mittel-Peilau
(Niederhof)

 
 Wohnhaus etwa im Jahr 1925

Persönliche Erinnerungen und einige Zahlenangaben über das Rittergut Nieder-Mittel-Peilau,
den „Niederhof“, dessen Besitzer mein Vater, Konrad Kemmler
(* 06.06.1894, † 18.04.1983), von 1917 bis Kriegsende 1945 war. Er hatte den Hof von seinem Vater Georg Kemmler geerbt, der 1917 im Alter von knapp 60 Jahren starb. Konrads älterer Bruder war als Soldat im 1. Weltkrieg gefallen. Der Hof hatte damals sehr tüchtige Inspektoren, Herr Frömsdorf und (später) Herr Kittlauß. Sie leiteten den Betrieb zunächst weiter, während Konrad Kemmler seine Ausbildung fortsetzte. Schließlich war er erst 23 Jahre alt, als sein Vater starb. Er sammelte Erfahrungen in praktischer Landwirtschaft auf anderen Gütern und studierte je zwei Semester in Göttingen und Berlin, um dann die Bewirtschaftung seines Gutes zu übernehmen.
Soweit ich mich aus Kindheit und Jugendzeit erinnern kann, war beim Niederhof immer von 1000 Morgen Ackerland die Rede gewesen. Exakte Zahlenangaben fand ich nach dem 2. Weltkrieg auf den betreffenden Seiten des Schlesischen Güteradressbuchs von 1937 und in dem „Beurteilungsbogen“ des Verbandes Buchführender Landwirte e. V. Breslau 1941/42, den meine Mutter (Lotte, geb. Richter) im Fluchtgepäck in den Westen gerettet hatte.




Auszug aus dem
Schlesischen Güter-Adressbuch von 1937:
 
Nieder Mittel Peilau
Post: Nieder Peilau Schlössel;
Über Reichenbach (Eulengebirge)
Eisenbahn: Nieder Peilau (Eule) 2 ½ km;
Amtsgericht: Reichenbach (Eule) 4 ½ km;
Telegramm-Beförderungsstelle, Standesamt;
Katholische Kirche: Nieder Mittel Peilau;
Amtsbezirk, Evangelische Kirche: Mittel Peilau
 
Rittergut,Tel.2582 Reichenbach (Eulengebirge)
Patronat der kath. Kirche: Anteil N.M.Peilau.
Besitzer: Konrad Kemmler, Besitz seit 1909.
1 Assistent.
Fläche 280 ha: 251 Acker*, 17 Wiesen, 4 Weide
2 Wasser*, 4 Park und Garten, 2 Hof usw.
 
Grundsteuer-Reinertrag: 8742 Reichsmark.
 
Mitglied der Zentralmolkerei Reichenbach,
der zuckerfabrik u. Dampfpfluggenossenschaft
Heidersdorf u. der Elektrizitätsgenossenschaft Peilau.
 
Rotbunte Ostfriesenherde.
Rüben-, Gerste- und Weizenanbau.
 
*Bemerkungen: Flächen auf der anderen Seite des Dorfes
(z.B. Hahnteich) waren verpachtet, so dass die selbst
bewirtschaftete landwirtschaftliche Nutzfläche etwa
200 ha betrug



 

Angaben aus dem „Beurteilungsbogen“ des Verbandes Buchführender Landwirte e.V., Breslau für Rittergut Nieder-Mittel-Peilau, 1941/42
Einheitswert je ha: 1795 Reichsmark
Landwirtschaftliche Nutzfläche: ca 200 ha

davon in                      %
Getreide             57,8
Zuckerrüben      18,0
Kartoffeln          3,9
Sonstiges            0,5
Verkaufsfrüchte 80,2
 
Feldfutterpflanzen       11,9
Wiesen und Weiden      7,9
Futterflächen              19,8


Viehhaltung
(runde Zahlen)
Rinder               105
davon Milchvieh  70
Schweine           kaum
Schafe              keine
 
Pferde                  13
Zugochsen              6
 
1 Schlepper       35 PS 
   
      Arbeitskräfte für die Feldarbeit:
5,4 ha je Arbeitskraft (AK).
Es gab aber auch viele Frauen als Arbeitskräfte. Berechnet als 2/3 Männer-AK ergibt sich aus den Zahlenangaben ein Jahres-AK-Besatz von 20 Frauen und 24 Männern, im Jahresverlauf mal viel mehr Frauen (Zuckerrüben etc.), mal viel weniger.
 
Handwerker: 2 (Stellmacher, Schmied)




Nach den Angaben des „Beurteilungsbogens“ 1941/42 gab es auf dem Hof 37 Arbeitskräfte (AK) für die Feldarbeit, davon 24 Männer. Namentlich bekannt sind mir noch: Wende und Eichner (Gespannführer), Sturm (Ochsengespann), Heinze (Buchhalter, Schüttbodenmeister), Schmidt (hatte ein lahmes Bein), Politow (ehemals russ. Gefangener vom 1.Weltkrieg, wohnte im Heinzehaus auf der kleinen Seite).
Es gab weitere tüchtige Männer, die im Betrieb tätig waren, ob sie als AK gezählt wurden, weiß ich nicht. Dazu gehörten Hermann Kuhnt (Kutscher, später Chauffeur, zugleich Diener bei festlichen Anlässen), Pechmann (Maurer), Galle (Gemüsegarten), der alte Pohl (fuhr die Milch zur Molkerei nach Reichenbach, 4 1/2 km).
Nicht erwähnt sind der Melkermeister und dessen Gehilfen, dagegen sind zwei Handwerker aufgeführt, Stellmacher Scholz und der Schmied, der nach Anschaffung des Lanz Bulldog den Schlepper fuhr.
Eine Gutssekretärin gab es nicht. Stattdessen übernahm meine Mutter einen Teil der Buchführung.                                                    Viele Frauen waren im Einsatz auf dem Feld, besonders beim Zuckerrübenanbau. Sie arbeiteten im Akkord auf Teilstücken, die von Gustav Heinze vermessen und ihnen zugeteilt wurden. Jede Frau behielt ihr Teilstück vom Rübenhacken und Vereinzeln bis zur Ernte (Rübe für Rübe mit der zweizinkigen Grabegabel herausnehmen und köpfen). Die Abfuhr der Rüben zur Bahn und des Rübenblattes in den Kuhstall erledigten die Männer mit Pferdewagen.                                                                                   Zusätzlich zu den weiblichen Arbeitskräften vom Hof und aus dem Dorf waren vor dem 2. Weltkrieg polnische Saisonarbeiter auf dem Hof beschäftigt. Sie brachten ihre eigene Köchin mit. Diese, Katharina Jakubik, blieb schließlich das ganze Jahr über da. In späteren Jahren kamen Saisonarbeiter aus Italien.                          Es gibt einen alten Film meines Vaters (von 1940/41), bei dem man diese Italiener beim Aufstellen des mit dem Garbenbinder gemähten Getreides sieht. In den Stiegen oder Puppen, wie wir sie nannten, konnten die Garben schneller trocknen, um später im Erntewagen in die Scheune gefahren zu werden. Auf dem Film sieht man auch uns Kinder bei der Arbeit. Wir verdienten uns beim Puppenaufstellen oder im Herbst bei der Kartoffelernte etwas Geld und waren stolz, wenn wir am Sonnabend beim Lohnauszahlen mit in der Reihe stehen durften. Wir und die Kinder des Dorfes, die solche Arbeiten mitmachten, mochten zu der Zeit 12/14 Jahre alt gewesen sein.                                                                                   Wenn ich mich richtig erinnere, begann die tägliche Arbeit im Sommer um 6:00 Uhr, um 8:00 Uhr gab es eine halbe Stunde Frühstückspause, von 11:00 bis 13:00 Uhr war Mittag. Am Nachmittag ging die Arbeit bis 19:00 Uhr, wieder mit einer ½ Stunde Unterbrechung zur Vesper-Zeit. Insgesamt wurde also 10 Stunden am Tag gearbeitet. Allerdings zählte der Weg zur Arbeitsstelle auf dem Feld mit zur Arbeitszeit. Im Winter, wenn es erst spät hell wurde, waren die täglichen Arbeitszeiten natürlich viel kürzer.                                                                                                  Beim Durchsehen dieser Aufzeichnungen hat mich meine Schwester Helgard (* 1926) noch auf die Feuerwehr aufmerksam gemacht. Wenn im Dorf Feuer ausbrach, blies Stellmacher Scholz ins Horn, das er in Verwahrung hatte. Daraufhin flitzten die Gespannführer zu den Pferden, holten die Spritze aus dem Feuerwehr Gerätehaus und fuhren im Galopp los, um den Brand zu löschen. Wasser gab es in der Peile. Die Pumpe arbeitete mit Handbetrieb. Da das Gerätehaus zwischen Straße und Peile am Zufahrtsweg zum Hof stand, konnte die Spritze in wenigen Minuten das brennende Haus erreichen. Brandmeister war Schmiedemeister Richard Reimann. In seiner Schmiede wurden auch die Pferde unseres Hofes beschlagen. In den 30iger Jahren wurde das kleine durch ein großes Feuerwehrgerätehaus ersetzt, das die Feuerwehrautos und die Schläuche aufnahm. 
Dr. Georg Kemmler Jhrg. 1924, Hannover, 2010 (verst. 2013)


 







Blick auf die Nord-Ost-Ecke des Hofes
Rittergut Niederhof, Nieder-Mittel-Peilau, 2003



Kuhstall, rechts Schafstall






Blick auf das Gut von der Feldseite aus, 2003
alle Fotos: Dr. Georg Kemmler

Fotos vom August 2011, Heinz Pieper













In Erinnerung an Dr. Georg Kemmler und seine Frau Helgard


Am 4.6.2004 trug Herr Dr. Georg Kemmler beim Peilauabend
anlässlich des Reichenbacher Treffens
in Warendorf - initiiert von Heinz Pieper -
den Film seines Vaters über die winterliche Hasenjagd um
1938 in Peilau vor.
Homepage aktuell
 
Infos zu weiteren Orten im ehemaligen Kreis Reichenbach, Eulengebirge:

www.heimatbund-reichenbach.de
www.kreis-reichenbach.de
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Das Dorf
 
Es bestand aus den sechs Gemeinden Nieder-Peilau, Nieder-Mittel-Peilau, Mittel-Peilau, Ober-Mittel-Peilau, Ober-Peilau I und Ober-Peilau II. Neben Ober-Peilau II lag die Kolonie Gnadenfrei der Brüdergemeine.
1934 Eingemeindung; es entstehen die Gemeinden Peilau und Gnadenfrei (Ober-Peilau I und II, sowie Ober-Mittel-Peilau kommen zur Gemeinde Gnadenfrei).
Die Rittergüter
 
Der Schlösselhof

Der Niederhof

Das Gut Mittel-Peilau, bestehend aus dem Roten Hof und dem Weißem Hof
Die Kirchen
 
Die Katholische Kirche, genannt "weiße Kirche"
Sie steht auf einer Anhöhe in Nieder-Mittel-Peilau u. ist eine schöne, schlichte Dorfkirche. Nach der Reformation war sie etwa 100 Jahre evangelisch.

Die Evangelische Kirche, genannt "rote Kirche"
Friedrich der Große wurde am 17. August 1762 nach der Schlacht am Fischerberg von Peilaus Bewohners um Rückgabe ihrer Kirchen oder Erbauung einer neuen gebeten. Er sagte es ihnen zu, aber Preußen fehlten die finanziellen Mittel.
1840 schenkte Friedrich Wilhelm III. dem Ort 14878 Taler für den Bau der Kirche. Eingeweiht wurde die Rote Kirche am 18. Juni 1845.
 
aus: Vergangenheit und Gegenwart von Peilau-Gnadenfrei von Richard Schuck, Kommissions-Verlag Herge und Güntzel (Paul Wiese), Reichbach i. Schl. 1911


"Peilau ist ein sehr großes langgestrecktes Dorf im Kreise Reichenbach an der Eule. Es ist ein sogenanntes Straßendorf. Nur durch die Kolonie Gnadenfrei und in Ober-Peilau I im Zuge der verlängerten Bahnhofsschaussee sieht der Ort wie eine ländliche Stadt aus. Das Dorf beginnt fast am Dirsdorfer Walde und endet dicht vor der Stadt Reichenbach. Der Peilebach begleitet den zirka 12 km langen Ort. Das Wasser gibt demselben höchst malerische Punkte, wie am Gladisteiche. Auch in Mittel- und Nieder-Peilau findet der Wanderer Stellen, welche in ihrer Anmut einen hohen Reiz gewähren..."
 
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